Stimmen aus der Praxis: Kathrin Arroyo

Kathrin Arroyo ist Erziehungswissenschaftlerin und seit 2020 als Projektleitung bei „Demokratie leben!“ in Wiesbaden aktiv. Seit Anfang 2021 leitet sie das Projekt „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule in Wiesbaden“ und setzt sich für eine vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Kitas und Grundschulen in Wiesbaden ein. Sie arbeitet außerdem als eine von drei Koordinator*innen in der Partnerschaft für Demokratie in Wiesbaden und ist als Referentin in der Fort- und Weiterbildung tätig.


Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ unterstützt bundesweit Kommunen dabei, Demokratie und Vielfalt vor Ort zu stärken. Dies geschieht in sogenannten Partnerschaften für Demokratie (PfD). Was genau kann man sich unter einer Partnerschaft für Demokratie vorstellen und warum braucht es solche Zusammenschlüsse?

Eine Partnerschaft für Demokratie ist ein lokales Bündnis, in dem Verantwortliche aus kommunaler Politik und Verwaltung sowie Akteur*innen der Zivilgesellschaft aus Vereinen, Verbänden und anderweitig engagierte Menschen zusammenkommen. Anhand der konkreten lokalen Gegebenheiten und der Situation vor Ort wird dann eine Strategie zur Stärkung von Demokratie und Vielfalt entwickelt und abgestimmt. In Wiesbaden wurde beispielsweise vor zwei Jahren festgestellt, dass es bisher nur wenige durch „Demokratie leben!“ geförderte Projekte im Bereich der frühkindlichen Bildung gab. Daraufhin wurde dann das Projekt „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule“ entwickelt und umgesetzt.

Die Gesamtkoordination der Partnerschaft für Demokratie übernimmt die Fach- und Koordinierungsstelle. Wir begleiten und beraten die verschiedenen Projekte und die Projektverantwortlichen und koordinieren die Arbeit des Begleitausschusses und des Jugendforums. Im Begleitausschuss, der das entscheidende Gremium der Partnerschaft für Demokratie ist, sitzen Vertreter*innen aus der kommunalen Politik, aus anderen staatlichen Institutionen und Vertreter*innen der lokalen Zivilgesellschaft. Gemeinsam mit dem Begleitausschuss diskutieren wir über mögliche Strategien, über eingegangene Projektideen und stimmen über deren Umsetzung ab.

Wir brauchen solche Zusammenschlüsse, weil unsere Demokratie und das demokratische, gleichwürdige Zusammenleben keine Selbstverständlichkeit sind. Menschenrechte und Demokratie als historische Errungenschaft müssen in ihrem Verständnis, ihrer Bedeutung und ihrer praktischen Handhabung immer wieder durch politisches und pädagogisches Handeln aktiv erneuert werden. Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern die ganze Gesellschaft. Ich persönlich finde es eine große Bereicherung, dass wir mit dem Aktions- und Initiativfond sehr unkompliziert Projektideen aus der Zivilgesellschaft fördern können. So können wir Akteur*innen vor Ort Raum für die aktive Mitgestaltung von Gesellschaft geben.


Im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie Wiesbaden leiten Sie das Projekt „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule“. Welche Ziele und Maßnahmen umfasst dieses Vorhaben?

Mit dem Projekt „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule“ wollen wir die politische Bildungsarbeit in pädagogischen Einrichtungen für Kinder von 0 bis 10 Jahren unterstützen und stärken. Dafür schaffen wir Vernetzungsstrukturen in Bezug auf die Themen Demokratie, Kinderrechte und Würde. Unsere Zielgruppe sind Krippen, Kitas, Grundschulen, Kinder-Eltern-Zentren, Kinderzentren und alle Menschen, die sich in diesen Zusammenhängen bewegen, also Kinder, pädagogische Fachkräfte, Eltern und andere Multiplikator*innen. Durch verschiedene Angebote wollen wir auf das Thema Demokratie in Kita und Grundschule aufmerksam machen und die Auseinandersetzung damit in den Einrichtungen aber auch in den Familien anregen. Gleichzeitig wollen wir auch im Dialog erfahren, wie das Thema bisher verhandelt wird. Um einen solchen Austausch zu ermöglichen, gibt es seit Juni 2021 das „Kompetenznetzwerk Demokratie Leben! in Kita und Grundschule in Wiesbaden“. In regelmäßigen Netzwerktreffen tauschen wir uns mit verschiedenen Akteur*innen aus dem Bereich Kita und Grundschule in Wiesbaden aus. Diese Treffen sind als „Mini-Workshops“ konzipiert, das heißt, es gibt immer ein bestimmtes Thema, zum Beispiel Demokratie und Kinderrechte im pädagogischen Alltag, Würde, Alltagsrassismus, Geschlechter- und Familienvielfalt, zu dem es einen kurzen Input gibt und anschließend ein gemeinsamer Austausch zum Thema stattfindet. Dabei werden Materialvorschläge gemacht und Impulse aus der Gruppe gesammelt, die dann als Dokumentation an alle Teilnehmenden versendet werden.

Ein weiteres Angebot ist der Bücherkoffer „Unsere Würde – mit Kindern über Würde und Menschenrechte ins Gespräch kommen“. Dieser Koffer enthält über 30 vorurteilsbewusste Kinderbücher zu den Themen Kinderrechte, Demokratie, Empowerment und Antidiskriminierung. Einige Bücher sind mit pädagogischem Begleitmaterial ausgestattet. Außerdem haben wir die pädagogische Handreichung „Was ist eigentlich Würde? Mit Kindern über Würde und Menschenrechte ins Gespräch kommen“ herausgegeben. Der Koffer wird von einer Stadtteilbibliothek in Wiesbaden verwaltet und steht allen Kitas, Kinderzentren etc. in Wiesbaden zur kostenlosen Ausleihe zur Verfügung. Weil der Kita-Bücherkoffer so gut angenommen wird, stellen wir gerade einen Bücherkoffer für Grundschulkinder zusammen, der sich insbesondere den Themen Empowerment, Antidiskriminierung und Widerstand widmet.

Für Multiplikator*innen haben wir im Herbst eine Workshopreihe zu den Themen Adultismus, Vielfalt, Antidiskriminierung sowie „mit Kindern über Würde sprechen“ veranstaltet. Außerdem gibt es die Elternbildungsangebote „Demokratie & Familie: Kinderrechte gemeinsam leben!“ sowie „Unsere Kinder stärken: Gegen Ausgrenzung und Diskriminierung aktiv werden!“. Diese werden in Kooperation mit den Kinder-Eltern-Zentren in einigen Stadtteilen von Wiesbaden in den Elterncafés durchgeführt.

Im Laufe des Jahres hat sich das integrative Praxiskonzept der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung und die damit verbundenen Aspekte immer mehr als zentrale Themen des Projekts „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule“ herauskristallisiert. Die vier Ziele des Anti-Bias, das Stärken der Ich-Identität (1), die Akzeptanz von Vielfalt (2), das Erkennen von Diskriminierung (3) und das Aktivwerden dagegen (4), stehen deswegen im Mittelpunkt aller Maßnahmen.


Mit wem kooperieren Sie im Rahmen Ihrer Arbeit und wie sehen diese Kooperationen genau aus?

Wir kooperieren mit unterschiedlichen Akteur*innen vor Ort. Zuallererst entstand eine Kooperation mit der Stadtteilbibliothek Wiesbaden-Biebrich, die unseren Bücherkoffer verwaltet und für die Ausleihe und Rückgabe verantwortlich ist. Bei der Erarbeitung des Konzepts für den Bücherkoffer konnten wir auf die Veröffentlichungen der Fachstelle Kinderwelten zurückgreifen, deren Bücherlisten das Konzipieren des Koffers sehr erleichtert haben. Außerdem konnten wir in Absprache mit der Fachstelle Kinderwelten die (kritischen) Kommentare zu den jeweiligen Büchern in unsere Handreichung mit aufnehmen.

Die Zusammenarbeit mit den Stadtteilbibliotheken wollen wir im nächsten Jahr unbedingt verstärken, da wir an dieser Stelle eine große Chance sehen, in die Stadtteile „hineinzuwirken“ und vor Ort präsent zu sein. Im Gespräch sind zum Beispiel Kinderrechte-Ecken in den Bibliotheken, mehrsprachige Vorlesenachmittage mit vorurteilsbewusster Kinderbuchliteratur und Elterninfoveranstaltungen zu den Themen Demokratie und Kinderrechte in der Familie.

Im Rahmen der Elternbildungsangebote kooperieren wir außerdem mit den Kinder-Eltern-Zentren (KiEZe) in Wiesbaden, die auch die entsprechenden Workshops finanzieren. Zu einigen Koordinator*innen der KiEZe besteht ein enger Kontakt, da diese im Stadtteil besonders gut vernetzt und deswegen sehr vertraut sind mit den Gegebenheiten vor Ort.

Durch das Kompetenznetzwerk „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule in Wiesbaden“ haben wir Kontakte zu einigen Kitas und Grundschulen sowie zu verschiedenen Institutionen, die politische Bildungsarbeit in Wiesbaden leisten und Fortbildner*innen aus verschiedenen Bereichen, wie der Antidiskriminierungsarbeit oder LGBTIQ und Vielfalt. Im Netzwerk profitieren alle Teilnehmenden vom Wissen und den Erfahrungen der Anderen und wir versuchen Formate zu finden, in denen dieses Wissen erfolgreich geteilt werden kann und ein guter Austausch gelingt.


Welche Herausforderungen und Bedarfe hinsichtlich der Demokratieförderung gibt es konkret in Ihrer Stadt? Inwiefern haben Sie den Eindruck mit Ihren Aktivitäten vor Ort etwas zu bewirken?

Meiner Ansicht nach fehlt in Wiesbaden eine zentrale Stelle, zum Beispiel in Form einer Organisation, die sich mit der Demokratieförderung in Kitas und Schulen im Sinne einer vorurteilsbewussten Pädagogik auseinandersetzt, die Angebote schafft und Akteur*innen zusammenbringt. Es gibt zwar einzelne Träger*innen, die Fortbildungsangebote für Organisationen zu diesen Themen anbieten, aber flächendeckend ist das nicht der Fall. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Wiesbaden keine Antidiskriminierungsstelle gibt, schon gar keine Antidiskriminierungsberatung für junge Kinder und deren Eltern. Es fehlt eine Stelle, an der alles zusammenläuft, einen Ort, an dem von Diskriminierung Betroffene Beratung finden, und eine Organisation, die flächendeckend mit Kitas und Grundschulen zum Thema „Demokratie leben“ arbeitet.

Mit dem Projekt „Demokratie Leben! in Kita und Grundschule“ will ich ein wenig dazu beitragen, dass diese Lücke geschlossen wird. Die große Begeisterung, mit der Akteur*innen vor Ort auf das Projekt reagieren, zeigt, dass ein großes Interesse am Thema besteht. Es ist mir außerdem ein wichtiges Anliegen, das Thema Demokratieförderung auf vorurteilsbewusste Art und Weise anzugehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Strukturen „von oben herab“ etabliert werden, die nicht für alle Kinder und Eltern gleichermaßen zugänglich sind.

Bisher bewirken wir viel auf der individuellen Ebene. Wir stärken Pädagog*innen im alltäglichen Handeln, geben Denkanstöße, wenn es um Themen wie Adultismus oder Alltagsrassismus geht, bündeln Materialien und Methoden und stellen sie den pädagogischen Fachkräften zur Verfügung. Jeder Workshop und jedes Netzwerktreffen gibt Denkanstöße, die oft zu nachhaltigen Veränderungen im pädagogischen Alltag oder innerhalb der Familie führen. Für das nächste Jahr erhoffe ich mir mehr Wirkung auf struktureller Ebene. Wir brauchen stärkere Kooperationen innerhalb der städtischen Strukturen, zum Beispiel mit den Qualitätsbeauftragten für die städtischen Kitas, mit den Ausbildungsschulen oder mit dem Studienseminar für angehende Lehrkräfte.


Gibt es bereits Überlegungen, wie die während der Programmlaufzeit gewonnenen Ergebnisse nach Ende der Bundesförderung in die Regelstrukturen auf kommunaler Ebene überführt werden können?

Leider gibt es dazu bisher nur wenige Überlegungen, was damit zusammenhängt, dass das Projekt erst seit März, und damit weniger als ein Jahr, existiert. Teile des Projekts wurden schon in Regelstrukturen überführt, wie zum Beispiel das Angebot des Bücherkoffers, sowie die Elternbildungsangebote, die von den Kinder-Eltern-Zentren finanziert werden. Wir haben uns von Anfang an bemüht, dort wo es möglich war, die Regelfinanzierung zu nutzen. Für eine langfristige finanzielle Absicherung hoffen wir nun, dass das Demokratiefördergesetz verabschiedet wird. Daraus würden sich mehr Sicherheiten für die Planung unserer Projekte sowie die Verstetigung der Ergebnisse ergeben.


Vielen Dank für das interessante Gespräch!

©Lucie Richter